Sacred Gates I Socrates Geens
Im Interview mit Socrates Geens über seine spirituelle Kunst
Es gibt Bilder, die tief berühren. Sie wollen nicht verstanden, sondern mit dem ganzen Wesen erfahren werden— etwas in uns öffnet sich, folgt der Einladung des Bildes, fällt tiefer in sich selbst hinein.
Die Bilder des belgischen Malers Socrates Geens sind solche Einladungen. Er nennt sie selbst Sacred Gates – Tore, die von der Oberfläche in eine tiefere Ebene des Lebens und des Seins führen. Die Bilder sind frisch, klar und direkt - die Farben leuchten und leben - die Formen und Symbole sprechen kraftvoll.
Ich hatte die große Freude, mit Socrates zwei Interviews aufnehmen zu dürfen. In diesem ersten Interview geht es um seine Kunst und seinen Lebensweg, im zweiten Interview, das am 26.5. erscheint, geht es um die Herausforderungen unserer Zeit an Spiritualität. Für ein schöneres Hören ist das Interview auch als Podcast hier auf Substack, Apple Podcasts und Spotify verfügbar. Sei also herzlich willkommen zu unserem Gespräch über spirituelle Kunst, Dir viel Freude beim Zuhören!
Ich habe eine große Frage an Socrates, die uns durch das ganze erste Interview führen soll: “Wie malt man Bilder, die so tief berühren?”. Und er antwortet mir, dass dies in erster Linie keine Frage der Technik ist, sondern dass Kunst immer das Sein des Künstlers ausdrückt und damit alles, was erfahren, durchlebt und integriert wurde.
Bei Socrates, der im Alter von 17 Jahren nach Indien ging und tief in die östliche Spiritualität eintauchte, war sehr früh klar, dass er sein Leben auf die Spiritualität ausrichten wollte. Das Kunststudium kam zwei Jahre nach Indien, gleichsam als Werkzeug dafür, seine Erfahrungen und seinen Erwachsensweg sichtbar zu machen. Dieser Weg führt ihn in Ashrams und buddhistische Klöster, zu Lehrern wie Deeraj und Osho, auf eine Pilgerreise zum Kailash und in tief transformierende Retreats, aber natürlich auch in die spirituelle Literatur.
Socrates erzählt, dass seine Bilder die Erkenntnisse und Erfahrungen seines jahrzehntelangen Erwachensweges widerspiegeln. Er beginnt ein Bild mit einer klaren Ausrichtung auf das, was er erfahren und gefühlt hat, und ausdrücken will. Dann folgt die Suche nach der Form: manchmal zwanzig, manchmal dreißig Zeichnungen, ein gezieltes Suchen im Raum der Möglichkeiten, bis Formen und Farben anfangen, energetisch zu schwingen. Socrates hat einen schönen Film über diesen Schaffensprozess am Beispiel seines Bildes Namaste kreiert.
Spannend finde ich, dass Socrates zwar östlische, spirituelle Symbolik benutzt, zum Beispiel die Namaste-Haltung, die Chakren oder buddhistische Symbole, die Bilder aber auch wirken, auch wenn man in diesen Bereichen keine Vorkenntnisse besitzt. Sie haben eine direkte energetische Wirkung und resonieren unmittelbar. Manchmal treffen sie einen wie ein Blitz, manchmal wirken sie wie eine sanfte Einladung, tiefere innere Räume zu betreten.
Socrates’ Bilder sind oft reduziert und er beschreibt, wie er in der Entwicklung der Bilder immer wieder prüft, was er noch wegnehmen kann, was am klarsten wirkt. Er vergleicht es ein wenig mit einem Sutra, das in ganz wenigen Zeilen ausdrückt, was sonst auf vielen Seiten erklärt werden muss. Eine Art kristalline Verdichtung ist das Ziel: Alles weglassen, was nicht notwendig ist, bis das Bild selbst strahlt, „wie ein Diamant, dem alles weggenommen wurde, was nicht nötig ist.”
Auf die Frage, ob er ein Lieblingsbild hat, antwortet Socrates, dass Grace (Gnade) sein persönlichstes Werk sei. Dieses Bild ist entstanden nach der tiefsten Erfahrung seines Lebens - und ihr präziser Ausdruck, fügt er hinzu. So erlebte er am Ende eines Dunkelretreats Samadhi, in dem sich das Ich auflöste und im Größeren, Göttlichen aufging.
Dies hat ihn bis auf den Grund seines Wesens verändert: er versteht die Welt um ihn herum neu und er weiß unerschütterlich, dass es das Göttliche gibt. In unserer Welt, die nach dem Glück im Außen jagt, sieht er es auch als seine Aufgabe, mit seiner Kunst eine Einladung nach Innen auszudrücken – Sacred Gates.




